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Im Juni 2026 hat unser Verband „SOAL Alternativer Wohlfahrtsverband“, in dem wir organisiert sind, uns um ein Interview für deren Newsletter gebeten. Diesem sind wir gerne nachgekommen. Im Folgenden nachzulesen:

SOAL-Jugendhilfe: Es geht hier um dich! Interview mit der Ahoi Jugendhilfe

Seit 2022 gibt es die Ahoi Jugendhilfe in Altona. Der gemeinnützige Träger bietet Eltern Hilfe bei der Erziehung oder Alltagskonflikten an, begleitet Kinder und Jugendliche in konfliktreichen Phasen oder wenn es darum geht, einen Umgang bei drohenden Kontaktabbrüchen zwischen Eltern und Kindern zu gestalten. Eine Besonderheit ist, dass es keine hierarchische Entscheidungsstruktur im siebenköpfigen Team gibt, alles wird gemeinsam besprochen. Deshalb wird das Interview auch im Team geführt – wir beziehen uns darin vorwiegend auf die Arbeit mit Jugendlichen.

SOAL: Wie kommen Familien und Jugendliche zu euch?

Wir machen Hilfen zur Erziehung, keine offene Jugendarbeit – daher kommen alle Anfragen über das Jugendamt, konkret den ASD. Manchmal kommen auch Anfragen über Dritte, zum Beispiel wenn befreundete Eltern der Familien, mit denen wir arbeiten, sich an uns wenden, weil sie eine ähnliche Unterstützung bräuchten. Aber auch dann verweisen wir ans Jugendamt, weil die Hilfe formal beantragt werden muss.

SOAL: Wie entscheidet ihr, welche Fälle ihr nehmt?

Wir besprechen alle Anfragen in unserer wöchentlichen Teamsitzung und schauen, ob wir als Gesamtteam etwas beitragen können. Danach geben wir dem ASD eine Rückmeldung und nehmen vorab Kontakt zur Familie und/oder dem Jugendlichen auf, um zu prüfen, ob die Chemie stimmt. Wenn ja, wird ein Hilfeplangespräch vereinbart.

SOAL: Wie organisiert ihr die Begleitung?

Es gibt immer eine zuständige Person pro Fall – in komplexeren Situationen auch zwei oder drei, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, z. B. eine Person, die elternorientiert ist, eine andere mit den Kindern. Wir tauschen uns fortlaufend informell aus und dokumentieren alles, damit alle Teammitglieder zumindest eine grobe Übersicht haben. Das erleichtert uns auch die Arbeit in Vertretungssituationen. Im gemeinsamen Austausch holen wir das Know-how der anderen ein, gleichzeitig dient es der Absicherung der eigenen Arbeit.

SOAL: Kommen die Jugendlichen oder Familien eigentlich freiwillig zu euch?

Das ist unterschiedlich. Manche Fälle basieren auf Freiwilligkeit, weil Familien selbst Hilfe suchen – das sind oft die Fälle, mit denen wir besonders gut arbeiten können. Es gibt aber auch Fälle, die quasi zwangsangelegt sind, z. B. bei einer Kindeswohlgefährdung. In unseren wöchentlichen Teamsitzungen helfen wir uns gegenseitig weiter, wenn wir Ideen brauchen. Das Wichtigste ist, erstmal eine Beziehung aufzubauen.

SOAL: Wie gelingt euch das?

Wir nehmen uns Zeit, erklären klar, was von uns zu erwarten ist, und treffen eine mündliche Vereinbarung über die gemeinsamen Ziele. Die Botschaft ist immer: Es geht hier um dich. Wir arbeiten auf Augenhöhe. Wir schubsen oder ziehen dich nicht, sondern das Tempo bestimmst allein du. Über die Zeit ist es uns immer gelungen, Vertrauen aufzubauen – auch in schwierigen Fällen.

SOAL: Welche Faktoren sind dabei außerdem wichtig?

Wir versuchen, ein so verlässliches Umfeld zu bieten, wie es die Jugendlichen und ihre Eltern oftmals gar nicht kennen. Wichtige Faktoren sind Zuverlässigkeit und Flexibilität: Wenn ein Termin nicht klappt, bieten wir drei neue an. Scheitern gehört dazu – wir geben allen eine zweite oder sogar dritte Chance, und wir kommen nicht mit der moralischen Keule, wenn irgendwas schiefgeht. Außerdem sind wir völlig unvoreingenommen, egal mit welchem Gepäck jemand zu uns kommt.

SOAL: Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, Eltern, Jugendlichen und euch?

Die offiziellen Ziele werden in Hilfeplangesprächen festgelegt – gemeinsam mit Jugendamt, Träger und den Jugendlichen bzw. Eltern. In halbjährlichen Abständen werden die Ziele überprüft und angepasst. Wenn es große Differenzen gibt, geben wir Rückmeldung ans Jugendamt – entweder man lässt den Fall sein oder verändert die Ziele. Im Laufe der Zusammenarbeit verändern sich Anfangsziele ohnehin oft, weil sich Menschen und Situationen ebenfalls verändern.

SOAL: Und was passiert, wenn die Vorstellungen von Jugendamt, Eltern und Jugendlichen auseinandergehen?

Da ist eine große Moderationsleistung von uns gefragt – wir stehen ja immer im magischen Dreieck der sozialen Arbeit. Grundsätzlich sind wir parteilich für unsere Adressat*innen, aber es gibt klare Grenzen: Wenn der Berufswunsch eines Jugendlichen ist, Dealer zu werden, dann läuft das nicht mit uns. Wenn es den Wunsch gibt, eine Sucht in den Griff zu kriegen – darüber können wir reden.

SOAL: Wie bezieht ihr Familie und Freundeskreis ein?

Zu Beginn erstellen wir eine Netzwerk- oder Ressourcenkarte: Gibt es eine unterstützende Oma, einen Fußballtrainer, Eltern von Freund*innen? Das können wichtige Ressourcen sein. Das Ziel ist ja immer, dass wir irgendwann nicht mehr gebraucht werden – und dafür braucht es ein tragfähiges Netzwerk. Aber: Alles wird transparent abgesprochen – wenn jemand nicht möchte, dass andere hinzugezogen werden, bleibt es intern.

SOAL: Jugendliche und ihre Familien befinden sich oft in einer Gemengelage aus finanziellen, sozialen und emotionalen Belastungen. Wo fangt ihr an, wenn alles gleichzeitig brennt?

Existenzielle Themen wie Wohnungsverlust oder akute Gewalt haben klaren Vorrang, dann folgen finanzielle Themen. Wir arbeiten Dinge parallel ab, aber mit unterschiedlicher Intensität. In einem besonders belasteten Fall waren wir zu dritt in einer Familie und haben uns klar aufgeteilt: Eine Person kümmerte sich um die Schulden, eine andere um die Grundversorgung und die dritte um die Kinder.

SOAL: Wie wichtig ist die Sozialraumorientierung?

Wir arbeiten ausschließlich in Altona – das ist bewusst so. Wir nehmen an fünf von acht Sozialraumteams teil und kennen dadurch viele Kolleg*innen aus anderen Einrichtungen persönlich. Unsere gute Vernetzung ermöglicht es uns, Familien gezielt weiterzuvermitteln. Dies wäre nicht möglich, wenn wir auch noch in anderen Hamburger Bezirken arbeiten würden.

SOAL: Was ist das Besondere an eurer Arbeit?

Das Großartige ist, dass du am Montagmorgen nicht weißt, was du bis Freitagabend alles erlebt haben wirst. Man muss Flexibilität mitbringen und sich gut selbst organisieren können. Aber dafür kennen wir das Netzwerk und die Einrichtungen gut – und das macht viele Dinge möglich.

Vielen Dank für das Interview!